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Luke: Verzauberte Nächte unter Palmen


Prolog

Irgendwo nahe der afghanischen Grenze

Whiskey Tango Foxtrot – WTF. Von seinem Posten auf dem Dach aus hatte Luke „Brooklyn“ Chapman freie Schussbahn auf die letzte Barriere zwischen seinem Team und dem amerikanischen Journalisten, den sie nach Hause bringen sollten. Nur zwei Dinge standen ihm im Weg. Genug C4, um nicht nur das gesamte Gelände, sondern auch jedes Mitglied seines SEAL-Teams und Nick Harpers Kampfmittelräumteam in die Luft zu jagen – und die Frau, die den verdammten Sprengstoff trug.

Gehe nicht über Los. Ziehe keine zweihundert Dollar ein. Verdammt …

Der Geheimdienst hatte ihnen schon wieder einen Strich durch die Rechnung gemacht. Brooklyn hatte auf eigene Faust Wind von möglichen Minen und anderen Sprengfallen rund um das Zielgelände bekommen, Hinweise, die über offizielle Kanäle als unzuverlässig verworfen worden waren. Deshalb arbeitete Brooklyn erneut mit der Kampfmittelräumung zusammen. Er hatte Nicks Team für diese Mission angefordert, und sein CO, der über die zunehmende Reihe fehlgeschlagener Einsätze stinksauer war, hatte es genehmigt. Nick und sein Team waren gut. Sehr gut. Die Besten. Und Brooklyn vertraute ihnen genauso sehr wie seinen eigenen Männern. Was für einen Froschmann ein seltenes Eingeständnis war.

„Team Bravo meldet, Ziel gesichtet. Wir haben Bestätigung für Sprengstoff. C4. Over.“

„Kannst du ihn ausschalten? Over.“

„Sie“, korrigierte Brooklyn.

Auf der anderen Seite murmelte Nick eine Obszönität.

Wem sagst du das. Frauen und Kinder zu schützen stand in fetten Großbuchstaben auf der ungeschriebenen Liste dessen, wofür Soldaten kämpften – direkt über Mamas Apfelkuchen und gleich unter dem American Way. Mit der Zeit hatte Brooklyn sich daran gewöhnt, mit feindlichen Kräften verschiedensten Alters und unterschiedlichster Statur umzugehen, aber daran, gegen Frauen zu kämpfen, würde er sich nie gewöhnen. Und die entscheidende Frage war, ob diese bestimmte Frau freiwillig in der Schusslinie stand oder auf Befehl irgendeines männlichen Familienmitglieds.

Zu oft blieb nicht genug Zeit, um herauszufinden, ob die sprengstofftragenden Modepüppchen zur ersten oder zur zweiten Kategorie gehörten. In diesem Fall saß Brent Callahan, einer aus dem EOD-Team, an den Überwachungssystemen. Dank seiner persischen Wurzeln mütterlicherseits und weil er über ein Jahr am Defense Language Institute verbracht hatte, konnte Brent in fünf Sprachen mithören, die innerhalb eines Radius von einer Meile gesprochen wurden. Wenn die fragliche Frau in den nächsten Sekunden, die ihnen blieben, um Freund oder Feind zu bestimmen, nur irgendetwas sagen würde, musste Brooklyns letzter Abschuss für Uncle Sams Navy vielleicht keine Frau sein.

Auf der anderen Seite seilten sich Billy „King Kona“ Everrett und Doug Hamilton von Team Alpha die Südwand hinunter. Kenny Yates und Nick, Team Charlie, waren nirgends zu sehen. Was bedeutete, dass die Feinde sie ebenfalls nicht sehen konnten. Der Unterschied war, dass Brooklyn wusste, dass seine Kumpel in Position waren, um Team Alpha den Rücken freizuhalten.

Mann, wie sehr er sich wünschte, Brent würde endlich etwas sagen. In etwa fünfzehn Sekunden würde Billy in Position sein, und Brooklyn müsste die Frau ausschalten. Zehn … Fünf.

„Feuer einstellen“, sagte Brent in Brooklyns Ohrhörer. „Korrektur, wir haben zwei Geiseln.“

Wer auch immer diese Frau war, Brent musste genug gehört haben, um zu wissen, dass es nicht ihre Idee gewesen war, den Dynamittrend dieser Saison zu tragen. Brooklyn sprach in sein Mikrofon. „Bestätigt.“

„Verstanden“, antwortete Nick, gefolgt von Billys Echo der Bestätigung.

Diese unglückliche Frau würde einen weiteren Tag erleben. Alles, was das Team tun musste, war die Weste zu entschärfen, den Feind zu überwältigen und alle heil aus dieser Hölle herauszubringen.

                                                           ******

„Schöne Bude hast du hier.“ Brooklyn kam als Letzter herein und ließ seine Ausrüstung neben den anderen Seesäcken auf dem Wohnzimmerboden von EOD-Teammitglied Billy Everretts Haus in Kona, Hawaii, fallen. Nachdem sie alle aus dem afghanischen Gelände herausgeholt und beide Geiseln – den amerikanischen Journalisten und die nun bombenfreie Frau – sicher zur Basis zurückgebracht hatten, war Brooklyn mehr als froh, dass es zeitlich geklappt hatte und er sich hier auf der Big Island einigen der Jungs im Urlaub anschließen konnte. Eine letzte Gelegenheit, unter seinen Navy-Brüdern zu sein, die er nicht verpassen wollte.

„Das Haus ist immer noch eine Baustelle, aber es ist ein Zuhause.“ Billy zeigte den Flur hinunter. „Ihr habt vier Schlafzimmer zum Auslosen. Mom kommt immer vorbei und macht mir die Bude sauber, wenn ich in Kona auf Heimaturlaub bin. Sie hat geschrieben, dass sie für euch die Betten frisch bezogen hat, und ich nehme an, der Kühlschrank ist voller Essen.“

Nick, der Leiter des EOD-Teams, schnappte sich seine Tasche, um sein Zimmer zu beanspruchen. Zwei Schritte hinter ihm blitzte Brent Callahan, ein SEAL-Teamkamerad, mit seinen strahlend weißen Zähnen. „Und Bier?“

„Ich sagte meine Mutter.“ Billy verdrehte die Augen. „Das hier ist nicht Australien. Hier lassen keine Einheimischen Bier für Matrosen am Pier stehen.“

Kenny Yates, ein weiteres Mitglied von Brooklyns SEAL-Team, hievte seinen Seesack hoch und machte sich auf den Weg den Flur hinunter. „Wie sieht’s mit Frauen aus?“

Zwei Schritte hinter ihm streckte Brooklyn die Hand aus und klopfte Kenny auf den Rücken. „Ich bezweifle, dass seine Mutter die auch in den Kühlschrank gestellt hat.“

„Komiker.“ Kenny, ursprünglich aus dem Nordosten, rammte Brooklyn im Vorbeigehen die Hüfte in die Seite. Im nächsten Augenblick fielen die Seesäcke zu Boden, und die beiden Männer lagen auf dem Boden.

„Ich schwöre, Brooklyn.“ Billy war im Nu durch den Raum und den Flur hinuntergekommen und ragte über den beiden rangelnden Männern auf. „Eine Delle in meinen neuen Wänden, und ich serviere eure beiden Hintern auf einem Silbertablett.“

„Sorry, Mann“, murmelte Kenny und fing Brooklyns Blick auf, während er sich auf die Füße stemmte. Da sie seit den letzten paar Jahren im selben SEAL-Team gewesen waren, brauchten sie keine Worte zur Verständigung. Eine Drehung, ein Satz nach vorn und ein Tackling später lagen alle drei auf dem Boden.

Brent tauchte aus dem vorderen Schlafzimmer auf und wurde beinahe in das Getümmel hineingezogen. „Mir fallen bessere Methoden ein, um ins Schwitzen zu kommen, Jungs.“

„Er hat recht.“ Kenny ließ ein wenig locker, und Billy nutzte die veränderte Hebelwirkung, um beide SEALs auf den Hintern zu setzen.

„Legt euch niemals mit King Kona an.“ Billy rieb sich die Hände ab und drehte sich um. „Macht euch frisch, dann ziehen wir los. Es ist zwar nicht der Gauntlet, aber selbst ihr hässlichen Frösche solltet ein Mädchen finden, das Mitleid mit euch hat.“

Geduscht, rasiert und wieder wie ein sauberer, ordentlicher Matrose aussehend statt wie ein rebellischer Aufständischer, betrat Brooklyn mit seinen Kumpels eine von Billys liebsten Kneipen vor Ort. Ein paar hübsche Touristinnen verschönerten den Laden. Nicht annähernd so viele Möglichkeiten wie in Honolulu und überhaupt nichts im Vergleich zu einem Spaziergang über jene berühmte ausländische Straße, die unter Matrosen weltweit als The Gauntlet bekannt war. Aber andererseits gab es nur wenige Orte, die damit mithalten konnten.

Brooklyns erste Begegnung mit The Gauntlet fand kurz nach dem Erhalt seines Tridents und seinem Abschluss in Coronado statt. Die Erinnerung war noch immer lebhaft. Sein Team war im Land auf Aufklärungsmission gewesen und hatte vor der Küste eine Mitfahrgelegenheit auf einem Angriffs-U-Boot zurück zur Basis bekommen. Eine glückliche Wahl des Transportmittels. Unterwegs hatte das U-Boot einen Hafenaufenthalt eingelegt, und Brooklyn lernte den engen Streifen aus Clubs und Bars kennen, der The Gauntlet hieß.

Dort quollen Frauen jeder Form und Größe auf die Straße und wetteiferten um ihre Chance bei einem amerikanischen Matrosen. Alle paar Meter wurde einer aus seiner Gruppe zur Seite gerissen und verschwand in den offenen Bars. Ein paar überstanden den Ansturm von Frauen, die an ihnen zerrten und sie küssten, und schafften es bis zur nächsten Bar, meistens ohne Hemd, Gürtel oder irgendein anderes Kleidungsstück und immer in Lippenstift und Parfüm gebadet.

Als nur noch eine Handvoll Männer auf den Beinen war, entdeckte Brooklyn eine große, schlaksige Gestalt mit langem rotbraunem Haar. „Ich glaube, mir wäre gerade nach einer Rothaarigen.“

Eines der ranghöheren Teammitglieder warf einen Blick über die Schulter und lächelte. „Na, dann solltest du besser weitergehen, denn der Typ ist wahrscheinlich brünett.“

„Hey.“ Brent wedelte mit der Hand vor Brooklyns Gesicht herum und holte ihn in die Gegenwart zurück. „Wo warst du gerade?“

Ein Grinsen unterdrückend, zuckte er mit einer Schulter. „Schaufensterbummel.“

Alle vier Freunde warfen ihm einen neugierigen Blick zu, bevor sie ihre Aufmerksamkeit wieder einem besonders interessanten Tisch mit jungen Damen widmeten, die alt genug waren, um legal Alkohol zu trinken, und jung genug, um diesen Matrosen die Nacht zu versüßen.

Auf der anderen Seite des Raumes kamen ein paar Typen durch die Vordertür. Einer trug ein „Don’t Tread on Me“-T-Shirt, ein anderer hatte eine amerikanische Flagge tätowiert, und alle hatten die vorschriftsmäßigen Haarschnitte, die US Navy schrien. Wahrscheinlich in Pearl stationiert. Und wie Brooklyn und seine Kumpels Gewohnheitstiere. Gib einem Matrosen einen freien Tag, und er sucht nach Bier und Frauen. Keine schlechte Art zu leben.

„Du machst mir langsam Sorgen, Brooklyn.“ Billy deutete mit dem Flaschenhals seiner Bierflasche auf ihn. „Wisch dir dieses verrückte Grinsen aus dem Gesicht.“

„Aye, Chief.“ Brooklyn salutierte schwach. Sein letzter Salut. Von jetzt an gehörte er der Company. Vor sechs Monaten hatte er gesehen, wie ein verdammt gutes SEAL-Team wegen schlechter Informationen sein Leben verlor. Informationen, die von der CIA und ihrem Netzwerk aus Informanten geliefert worden waren. Also hatte Brooklyn seine Entlassung aus der US Navy beantragt und sich mit genau den Leuten zusammengetan, die mit gezielt gestreuten Informationen zu viele gute Männer in den Tod geschickt hatten.

Wenn Kenny, Brent und der Rest von Brooklyns ehemaligem Team das nächste Mal Informationen über die CIA bekamen, würde Brooklyn alles in seiner Macht Stehende tun, damit diese Infos niemanden das Leben kosteten. Oder er würde bei dem Versuch sterben.

Kapitel Eins

Zwei Jahre später

Der Streifenwagen der Miami-Polizei fuhr in Sharla Kramers Einfahrt.

Nicht schon wieder.

Tyler Hawk, der ehemalige Partner ihres verstorbenen Mannes Danny, stieg gemächlich aus. Mit ausdrucksloser Miene öffnete er die hintere Tür, und heraus hüpfte Sophia Garibaldi.

Nicht, dass Sharla erwartet hätte, jemand anderen zu sehen. Mit ihren knapp eins sechzig und kaum fünfundvierzig Kilo – selbst klatschnass – schaffte esihre Großmutter trotzdem, mehr Ärger zu verursachen als ein Kaninchen in einem Salatbeet. „Nana. Nicht schon wieder.“

„Reg dich nicht auf. Tyler hat mich mitgenommen.“

Sharlas Blick traf Tylers. Mit fest zusammengepressten Lippen fuhr sich der ein Meter dreiundneunzig große Polizist mit der Hand über den Nacken, bevor er sprach. „Wir haben sie in der Mall aufgegriffen.“

„Nana“, jammerte Sharla. „Du hast es versprochen.“

„Ich habe nichts getan.“ Die ältere Frau straffte ihre stolzen Schultern und hob störrisch das Kinn. „Dieser einfältige Sicherheitschef hat wegen eines kleinen Missverständnisses die Polizei gerufen.“

Seit Nana nach ihrer Pensionierung zu Sharla nach Florida gezogen war, waren „ein kleines Missverständnis“ die drei beunruhigendsten Worte der deutschen Sprache geworden.

„Eine Kundin im Schuh-Discounter behauptete, deine Großmutter hätte versucht, ihr das Portemonnaie zu stehlen. Sie sagte, sie hätte gesehen, wie Sophias Hand aus der Handtasche der Kundin kam, genau als die Frau ihre Einkäufe bezahlen wollte.“

Sharla wandte sich an ihre Großmutter. „Du hattest ihr Portemonnaie?“

„Nein“, antwortete Tyler. „Aber die Frau bestand darauf, sie habe lediglich den Diebstahlversuch deiner Großmutter vereitelt.“

„Unsinn.“ Nana schnaubte. „Wenn ich gewollt hätte …“

„Ja, Nana, wir wissen Bescheid.“ Sharla unterbrach ihre Großmutter, bevor sie sich selbst belasten konnte. Nicht, dass Tyler nicht bestens über die Familiengeschichte im Bilde gewesen wäre. Er war bereits Dannys Partner gewesen, als Danny angefangen hatte, mit Sharla auszugehen, und hatte die Eskapaden ihrer verrückten Familie aus erster Hand miterlebt, als einer nach dem anderen – angeblich – nach Florida in Rente ging. Am liebsten wäre sie deshalb nach Alaska gezogen. Oder an irgendeinen Ort, an dem niemand in Versuchung käme, ihr zu folgen.

Tyler wartete, bis Sophia durch die Tür in die Küche gegangen war. „Wir haben viele Neulinge im Revier seit … na ja, neue Leute, die Danny nicht kannten.“

Sharla nickte. Tyler musste nichts weiter sagen. „Ich verstehe. Danke, dass du sie nach Hause gebracht hast. Ich fahre morgen nach meiner Schicht im Krankenhaus zur Mall und rede noch einmal mit Mr. Delvecchio.“

„Ansonsten alles in Ordnung bei dir?“

Tyler zeigte sein typisches umwerfendes Lächeln, das den meisten Frauen weiche Knie beschert hätte. Besonders, wenn sie dabei in seine kristallblauen Augen schauten. Ein heller, fast grauer Blauton, in dem immer ein wenig Schalk funkelte, egal, wie ernst die Situation war. Aber es waren Dannys zurückhaltendes Lächeln und seine warmen, schokoladenbraunen Augen gewesen, die ihr Herz erobert hatten, als er zum ersten Mal mit ihren Großtanten Alicia und Leticia im Schlepptau vor ihrer Wohnungstür gestanden hatte. „Mir geht’s gut. Danke.“

Nach Dannys Beerdigung hatte Tyler regelmäßig nach ihr gesehen. Anfangs war sie froh über die Gesellschaft gewesen. Über jemanden, mit dem sie reden konnte und der Danny fast so gut gekannt hatte wie sie selbst. Als die Monate vergingen, wurde ihr klar, dass sie ihr Leben nicht weiterhin nur durch gemeinsame Erinnerungen an Danny leben konnte. Schließlich wurden Tylers Anrufe und Besuche seltener. Und jetzt, drei Jahre später, sah sie Tyler meistens nur noch, wenn er auftauchte, um eine der Großtanten zu retten oder, wie heute Abend, ihre Großmutter.

„Du sagst mir Bescheid, wenn …“

„ich etwas brauche“, beendete Sharla den Satz lächelnd. „Danke noch mal, Ty.“

Nachdem die Haustür ins Schloss gefallen war, drehte Sharla sich um und lehnte sich dagegen. Was sollte sie bloß mit ihren langfingrigen Verwandten machen? Zumindest würde der kommende Monat in ein paar Tagen frei von Überraschungen sein. Während Großtante Alicia den Sommer über ihre Tochter in Kalifornien besuchte, würden Nana und Großtante Leticia wieder eine Karibik-Kreuzfahrt machen und anschließend für ein paar Wochen alte Freunde in New York besuchen. Solange Nana und ihre früheren Komplizinnen ein Publikum hatten, das sie mit ihren alten Geschichten unterhalten konnten, konnte Sharla sicher sein, dass sie keinen Ärger machen würden.

Sie hatte das Telefon nicht klingeln hören, aber Nanas Stimme drang aus der Küche: „Ach du meine Güte. Wirklich?“

Bei näherer Betrachtung gefiel Sharla der Gesichtsausdruck ihrer Großmutter gar nicht.

„Nein, Ticia. Vielleicht sollte ich …“

Sharla trat näher und lehnte sich an die Seite ihrer Großmutter, um das Telefongespräch mitzuhören, doch Nana wünschte ihrer Schwester alles Gute und legte auf. „Was ist los? Gibt es ein Problem mit Nelda?“

„Nicht direkt. Das Baby hat sich im letzten Moment gedreht. Die Ärzte haben einen Kaiserschnitt gemacht. Ticia will bleiben und helfen, während Nelda sich erholt.“

Die Nachricht war nicht so schlimm, wie Sharla befürchtet hatte. Bis ihr klar wurde, warum sich die Stirn ihrer Großmutter vor Sorge in Falten gelegt hatte. Die Kreuzfahrt startete am Donnerstag. Keine Chance, dass Nelda bis dahin wieder hundertprozentig auf den Beinen wäre, damit Leticia wie geplant mitfahren könnte.

Schlagartig klärte sich Nanas Miene, und ein strahlendes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. „Hat dein Chef nicht gerade erst gesagt, dass du zu viele Urlaubstage angesammelt hast und dir freinehmen solltest, solange er genug Personal hat, um dich zu vertreten?“

Tatsächlich, ja. Sie hatte sich bereits zwei Wochen Urlaub eingetragen, während Nana weg war. Die perfekte Zeit, um ein bisschen Sonne zu tanken und sich um ein paar lange vernachlässigte Haushaltsprojek… „Oh nein.“

„Natürlich. Die Kreuzfahrtgesellschaft hat gesagt, wir können bis zu vierundzwanzig Stunden vor der Abfahrt noch Passagiere dazubuchen. Du kannst Leticias Platz haben. Wie früher, wenn deine Eltern auf irgendeiner Abenteuerreise unterwegs waren und wir beide Zeit an der Küste von New Jersey verbracht haben.“

„Nein, Nana.“ Absolut nicht. Unter keinen Umständen. Niemals. Sharla würde nicht zwei Wochen auf einem schwimmenden Hotel mitten im Ozean festsitzen. „Das kommt nicht in Frage, Nana. Es gibt nichts, was du sagen könntest, um mich mit dir auf dieses Schiff zu bekommen.“

„Vielleicht würde Magda gern mitkommen.“

Nur das nicht. Das Letzte, was Sharla brauchte, war, dass ihre Großmutter wieder Kontakt zu ihrer alten Komplizin aufnahm. Gott steh ihr bei, es sah ganz so aus, als würden sie und Nana auf Kreuzfahrt gehen.

                                                        ******

Luke „Brooklyn“ Chapman ignorierte das Brennen, das er noch immer in seiner Seite spürte, versuchte, sich in dem steifen Besucherstuhl zu entspannen, und legte den Knöchel auf seinen Oberschenkel. Der dicke Ledergürtel, den er an jenem Tag getragen hatte, als die Hölle losgebrochen war, hatte das Messer ausreichend gebremst, um ernsthafte Verletzungen zu verhindern, besonders da das blöde Ding in Gift getaucht gewesen war. Zwei Jahre als verdeckter Ermittler hatten sich endlich ausgezahlt. Ein paar Stiche im Feld, eine Behandlung mit Gegengift, und er war wieder einsatzbereit.

Schade nur, dass der Doc nicht zugestimmt hatte.

„Dreißig Tage. Das ist ein Befehl.“

Brooklyn ignorierte das Ziehen seiner Nähte, rückte sich auf seinem Stuhl zurecht und schenkte seinem Vorgesetzten ein freches Grinsen. „Du kannst mir keine Befehle erteilen. Ich bin nicht mehr bei der Navy.“

„Du wirst für niemanden mehr da sein, wenn du dir nicht eine Auszeit nimmst. Mir ist egal, für wie unbesiegbar ihr SEALs euch haltet. Du bist aus Fleisch und Blut wie alle anderen auch. Du wirst verletzt. Du blutest. Du stirbst. Ich will dreißig Tage lang weder dein Gesicht sehen noch deinen Namen hören.“

Bei der Navy, als SEALs in Bereitschaft, waren Brooklyn und seine Männer auf zwei Bier pro Tag und eine äußerst kurze Leine beschränkt gewesen – nie mehr als sechzig Minuten von der Basis entfernt. Ein paar Tage echte Erholung, in denen sie sich nach Herzenslust dem Alkohol und den Frauen hingeben konnten, waren immer mit großer Vorfreude begrüßt worden. Aber meistens war er nach nur wenigen Tagen Ruhe und Erholung bereit gewesen, wieder an die Arbeit zu gehen. Und nicht bloß sinnlose Aufgaben oder körperliches Training. Etwas, das seine Zeit und all das ständige PT wert war. „Ich nehme ein paar Tage.“

„Dreißig.“

„Aber …“

„Hör zu, Brooklyn.“ Phil Conway beugte sich über seinen Schreibtisch. „Ich weiß, dass du diese Bastarde genauso schmoren sehen willst wie jeder von uns.“

Mehr. Unter dem Dach der CIA, in einer gemeinsamen Taskforce mit der Navy unter dem Kommando von Admiral Cartwright, hatte Brooklyn zusammen mit einem ehemaligen Ranger und einem weiteren Geheimdienstler die Terrorzelle infiltriert, von der man glaubte, sie habe hinter den fehlerhaften Informationen gesteckt, die vor fast drei Jahren den Tod eines SEAL-Trupps verursacht hatten.

Das jüngste Feuergefecht, das Brooklyn ein Messer im Bauch eingebracht hatte, hatte auch die Schweine erledigt, die für den Tod seiner SEAL-Kameraden verantwortlich waren. Aber es gab immer einen weiteren Terroristen, der bereit war, nachzurücken und „die amerikanischen Ungläubigen“ auszulöschen. Wenn die Terroristen sich eine Auszeit nahmen, dann würde er es auch tun.

„Du funktionierst nur noch durch Koffein und Adrenalin“, fuhr Conway fort. „Irgendwann muss etwas nachgeben, und das wird nicht unter meiner Verantwortung passieren.“

Für einen Geheimdienstler war Conway ein anständiger Kerl, aber er verstand es nicht. Brooklyn könnte seinen Boss von jetzt bis zum nächsten Jahrtausend daran erinnern, was jeder SEAL monatelang in der Grundausbildung ertrug. Ständige Schikanen durch professionelle Krieger mit nur einem Ziel: die Schwachen auszusortieren. Nur die Stärksten und Klügsten überlebten Hell Week und BUD/S. Lange, qualvolle Läufe durch weichen Sand. Mitternachtsschwimmen im kalten Pazifik. Zermürbende Hindernisparcours. Endlose Kraftübungen. Tage ohne Schlaf. Ständig zu frieren, nass zu sein und sich elend zu fühlen.

Und die Ausbildung hörte dort nicht auf. Die Ausbildung hörte nie auf. In der realen Welt gehörten Schlafmangel und körperliche Belastbarkeit zum Leben. SEALs blühten unter Stress und Chaos auf. Er brauchte keine dreißig Tage, in denen er nichts zu tun hatte.

„Gibt es irgendeinen Ort, an den du schon immer mal wolltest?“, fragte Conway. „Familie, die du eine Weile nicht gesehen hast?“

Ein bisschen Auszeit zu Hause in New York bei der Familie wäre gut. Selbst wenn seine Mutter ihn bemuttern würde, wäre es großartig, seine Schwestern und seine Nichten und Neffen zu sehen. Und es war eine Weile her, seit er eine anständige Lasagne gegessen hatte. Aber dreißig Tage?

Er konnte immer noch einen Dartpfeil auf eine Landkarte werfen und sehen, wo er landete. Es gab reichlich mögliche Reiseziele, an denen die Menschen nicht versuchten, einander umzubringen. King Konas Familie besaß einen Tauchladen auf der Big Island. Für ein paar Tage dorthin zu fahren, könnte eine nette Pause sein. Billy prahlte immer mit dem Wetter, dem Tauchen und damit, wie großartig seine Familie war. Natürlich wären seine Schwestern tabu. Ein Kerl fing nichts mit der Schwester eines Kumpels an. Das war ein ungeschriebenes Gesetz. Aber Brooklyn konnte sich einfach nicht vorstellen, unter einer Palme zu liegen und den Kokosnüssen beim Fallen zuzusehen.

Conway lehnte sich zurück und legte die Fingerspitzen unter seinem Kinn aneinander. „Meine Frau und ich sind für eine Kreuzfahrt gebucht, aber ihre Mutter hat beschlossen, dass jetzt ein guter Zeitpunkt wäre, die Kniegelenkersatzoperation machen zu lassen, die sie seit zwei Jahren vor sich herschiebt. Martha wird ihre Mutter nicht alleinlassen. Wir sollen Donnerstagnachmittag auslaufen. Dreizehn Nächte. Zu spät für eine Rückerstattung. Du hättest die Kabine für dich allein.“

„Ich kann nicht …“

„Du würdest mir einen Gefallen tun. Wenn du meinen Platz übernimmst, kann ich die Rechnung an die Buchhaltung weitergeben. Sonst bleibe ich auf den Kosten sitzen.“

Dreizehn Tage Faulenzen am Pool. Die hawaiianischen Kokosnüsse wirkten verlockender. Allerdings … Schiffspools hatten heiße Mädels im Bikini. Nach zwei Jahren in einer anderen Welt hätte er nichts dagegen, die Ruhe zu überspringen und direkt zur Erholung überzugehen. „Okay. Ich mache es. Aber du schuldest mir was.“

Conways Lippen verzogen sich zu einem viel zu zufriedenen Grinsen.

Tief in seinem Inneren war Luke sich sicher, dass er gerade hereingelegt worden war.

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