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 Michael: Familienglück unter Palmen


Kapitel Eins

     „Tom, du hättest es geliebt, in diesem Haus zu wohnen.“ Annette Deluca saß an dem Bistrotisch in der Ecke ihres Wohnzimmers und hielt den silbernen Rahmen mit dem Familienfoto in der Hand. Sie erinnerte sich an den Tag in 3-D-Technicolor. Adams fünfter Geburtstag. Ihre Kinder für ein Foto zusammenzutrommeln hatte mehr Mühe gekostet, als die ganze Party in dem beliebten Kindertreff zu organisieren. Was das Bild nicht verriet, war der Beinahe-Schwitzkasten, der nötig gewesen war, um ihren Sohn zwei Minuten lang festzuhalten, und auch nicht der sanfte Druck, mit dem die Hände ihres Mannes Tom ihre Tochter an Ort und Stelle hielten. Doch irgendwie hatte Toms Assistent es geschafft, den beiden Geschwistern ein Lächeln zu entlocken und so das perfekte Familienfoto zustande zu bringen. Oh, wie sehr Annette das vermisste.

     Bei weit geöffneten Fenstern trug der Wind das Geräusch der fernen Wellen, die ans Ufer brandeten, bis zu ihr herüber und öffnete eine weitere Schleuse der Erinnerungen. Sommer am Strand. Winter beim Tauchen auf Hawaii oder am Barrier Reef. Weihnachten in den Bergen. Sie hatten all das getan, bevor die Kinder geboren wurden, und es dann noch einmal als Familie erlebt. „Hast du irgendeine Ahnung, wie sehr ich dich vermisse?“, fragte sie den Mann auf dem Foto.

     Eine Möwe, die am Fenster vorbeizog, erregte ihre Aufmerksamkeit. Sie konzentrierte sich auf die breite Spannweite der Flügel, während der Vogel vom Haus weg aufs Meer hinausglitt, und gab sich innerlich einen Ruck. Ihr verstorbener Mann hätte es am wenigsten gewollt, dass sie ihre Tage in der Vergangenheit verbrachte. „Zeit, die Weihnachtszeit einzuläuten.“ Dieses Jahr würde sie es wohl den Werbetreibenden im Fernsehen gleichtun und das Haus jetzt schon in Weihnachtsstimmung versetzen, anstatt bis nach Thanksgiving zu warten. Am Wochenende würden sie und die Kinder den Baum hervorholen und gemeinsam Zeit damit verbringen, den Christbaumschmuck und das Lametta aufzuhängen und vielleicht sogar Popcorn aufzufädeln – so, wie sie es getan hatten, als Adam und Bethany noch ganz klein gewesen waren. Annette stemmte sich hoch und stellte den Rahmen auf das Regal, wo er hingehörte. Umgeben von der Fülle an Familienfotos, die halfen, die Erinnerungen wachzuhalten, schob sie die Melancholie beiseite und öffnete eine weitere Kiste mit Weihnachtsdekoration.

    Das erste Weihnachten ohne Tom war schwierig gewesen. Gott sei Dank gab es Maggie. Annettes Haushaltsleiterin war unverzichtbar geworden. Sie hatte sich Tag und Nacht um die Kinder gekümmert und die Mutterrolle übernommen, während Annette sich durch Physiotherapie und Genesung durchkämpfte. Es war kaum zu glauben, dass sie diesen furchtbaren Absturz überlebt hatte. Aber mit Maggies Hilfe hatte sie es geschafft. Und dann war da noch der gesamte Everrett-Clan gewesen. Sie alle, und dazu noch gefühlt die halben Special Forces der Navy, hatten in jenen dunklen Tagen nach dem Flugzeugabsturz, der Tom das Leben gekostet hatte und nach dem sie selbst um ihr Leben kämpfte, auf sie und ihre Kinder aufgepasst.

    Und der Herr segne Maile Everrett. Dass sie ihr Zuhause für die Feiertage geöffnet hatte, machte die Leere, die Toms Abwesenheit hinterließ, ein wenig leichter erträglich. Annette und ihre Kinder hatten den Schmerz noch immer gespürt, aber die meisten ihrer Lächeln waren von Herzen gekommen, und das war der warmherzigen Matriarchin zu verdanken. Und natürlich dem stets treuen deutschen Schäferhund der Familie Everrett, Gunny, der genauso viel dazu beigetragen hatte, ihrem Sohn die Lebensfreude zurückzugeben, wie Mailes erwachsener Sohn.

     „Wow, das Wasser ist heute perfekt.“ Maggie schlang ein Strandtuch um sich und steckte das Ende fest, während sie über die Schwelle trat.

     „Das ist Hawaii.“ Annette lachte. „Das Wasser ist jeden Tag perfekt.“

   „Ich weiß. Aber nach so vielen Jahren in L.A. erwarte ich immer noch, dass sich der Ozean anfühlt wie ein Eisteich in der Antarktis.“

    „Auf keinen Fall.“ Annette platzierte den antiken Weihnachtsschlitten mit den Rentieren, den sie aus der Kiste geholt hatte, gut sichtbar auf dem minimalistischen Kaminsims und schüttelte den Kopf über ihre Freundin.

     Der vertraute Klingelton ihres Mobilfunkanbieters ertönte. Sie musste sich wirklich eine bessere Melodie aussuchen. Ihr Handy klang immer wie ein Fernsehwerbespot für ihren Anbieter. Ein rascher Blick auf das Display ließ ihr Herz kurz stolpern, als der Name der Schule ihres Sohnes auftauchte. „Hallo?“

     „Mrs. Deluca, hier ist Harriett aus dem Büro des Schulleiters.“

     Ihr Verstand raste los. All die schrecklichen Möglichkeiten, die ein Anruf aus der Schule bedeuten konnte, drängten und stießen sich in ihren Gedanken nach vorne und verdrängten die harmlosen, viel wahrscheinlicheren Gründe. „Ja?“

     „Wir hatten einen kleinen … Vorfall.“

     Okay. Vorfall klingt schon mal besser als Unfall, und Harrietts Tonfall, zwar streng und mit einem Hauch von Frustration, ließ nicht erkennen, dass Annette sofort in die Notaufnahme rasen musste. „Wie klein?“

     „Adam war in eine Schlägerei verwickelt.“

     „In eine was?“ Ihr Sohn prügelte sich nicht. Der Junge war überzeugtes Mitglied der Zukünftigen Pazifisten Amerikas. Bäume umarmen und Wale retten gehörte auch dazu. „Sind Sie sicher?“

     „Wie bitte?“

     „Schon gut. Was ist passiert?“

     „Ich denke, wir sollten das persönlich besprechen.“

      „In Ordnung. Ich bin in ein paar Minuten da.“

       „Mrs. Deluca?“

       „Ja?“

     „Bringen Sie ein sauberes Hemd mit.“

     Ein sauberes Hemd?

     „Und eine Hose. Die Hose Ihres Sohnes hat schon bessere Tage gesehen.“

                                                                 ********
      Eine weitere Ziffer sprang auf der Digitaluhr um. Brian würde in ein paar Minuten zu Hause sein. Manchmal fragte sich Michael Becker, für wen der Wechsel auf eine neue Schule stressiger war, für ihn oder für seinen Sohn. Bisher hielt es sich die Waage. Er hatte gehofft, dass die Integration in eine Regelschule auf Hawaii für Brian leichter sein würde als im großen öffentlichen Schulsystem von Dade County. Alles, was sein Sohn wollte, war, so zu sein wie andere Kinder in seinem Alter. Auf eine normale Schule gehen, Freunde haben, zu Partys eingeladen werden. Sogar von einer Freundin war die Rede.

     Mike fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. Hawaii mochte das Paradies sein, aber er rechnete nicht mit Wundern. Oder vielleicht doch. Normale Menschen stellten nicht ihre ganze Welt auf den Kopf, wenn sie nicht auf irgendetwas hofften.

      Mike war wegen einer Telefonkonferenz mit L.A. schon seit vier Uhr morgens wach und zweifelte ernsthaft an der Weisheit seiner Entscheidung, in der Hawaii-Aleuten-Zeitzone zu leben. Für ein Fortune-500-Unternehmen an einem globalen IT-Projekt zu arbeiten, hatte seine Vor- und Nachteile. Er konnte von zu Hause aus arbeiten und für Brian da sein. Der Nachteil war, dass Mike zu jeder Tages- und Nachtzeit, sieben Tage die Woche, an seinen Computer gefesselt war. Oder an das verdammte Telefon. Und wenn Singapur ihm die Zahlen nicht innerhalb der nächsten Minute lieferte, dann sollten sie verdammt noch mal warten, bis er seinen Teil erledigt hatte. Auf keinen Fall konnte er Brians Ankunft nach der Schule ignorieren. Seit zwölf Jahren war Routine in jedem Bereich seines Lebens entscheidend. Schon als Baby hatte Brian sich nicht an Abweichungen im Tagesablauf anpassen können. Karen hatte alles so einfach aussehen lassen. Von Sonnenaufgang bis Schlafenszeit lief alles wie am Schnürchen.

     Sobald Brian jetzt durch die Tür trat, lief das sorgfältig geplante und eingeübte System an. Auf die Minute genau. Kein Raum für die geringste Abweichung. Snack. Hausaufgaben. TV. Hausaufgaben. Mike kniff sich in die Nasenwurzel.

     Die letzte Ziffer auf der Uhr sprang um, als Mikes Nachbarin Liz in die Einfahrt fuhr. „Gott segne sie.“

     Nicht viele Menschen verstanden Brians Bedürfnis nach Ordnung, Routine und Zeitplänen. Gott bewahre, dass seine Fahrerin beschlösse, im Supermarkt anzuhalten, um noch schnell Milch zu holen, oder eine Abkürzung zu nehmen, um Zeit zu sparen. Die kleinste Umleitung bedeutete immer eine Katastrophe. Aber seine Nachbarin Liz verstand ihn. Sie holte Brian jeden Tag exakt an derselben Stelle zur exakt selben Zeit ab und fuhr exakt dieselbe Strecke nach Hause, und bisher war Liz das Einzige an der neuen Schule und der neuen Routine, das gut funktionierte.

     Sein Arbeitshandy, das auf dem Schreibtisch lag, summte. Mike sah hinunter und erkannte die lange Zahlenfolge – Singapur. Nicht gut. Da das Offshore-Team lieber Chat oder E-Mail nutzte, war es nicht normal, dass es anrief. Das konnte nur Ärger bedeuten. Widerwillig griff er zum Telefon. „Becker.“

     „Guten Tag, Mike“, begann der Anrufer. Wie immer frustriert über die Förmlichkeit der Begrüßung und die Erwähnung der Zeitverschiebung, antwortete er mit dem üblichen: „Und Ihnen einen guten Morgen.“ Immerhin war Singapur achtzehn Stunden voraus – dort war bereits der nächste Tag. Was er allerdings wirklich wollte, war, das Gespräch möglichst schnell auf den Punkt zu bringen. Das Letzte, was er brauchte, war ein langes Gespräch, da Brian jeden Moment zur Tür hereinkommen würde.

     Das Geräusch einer zuschlagenden Autotür unterbrach seine Gedanken, dann schlug eine zweite zu, und Mikes Kopf schnellte hoch. Normalerweise beobachtete Liz, wie Brian zur Tür ging, und wartete, bis Mike zurückwinkte. Die Routine sah nicht vor, dass sie aus dem Auto stieg und Brian begleitete. Nicht gut. Mit einem knappen „Ich muss los. Schicken Sie mir eine E-Mail“ beendete er das Gespräch und ließ das Telefon fallen.

     Obwohl er am liebsten nach draußen geeilt wäre, um herauszufinden, was passiert war, biss Mike sich stattdessen auf die Wangeninnenseiten und wartete, bis Brian wie üblich die Tür öffnete. Kaum erschien Brian in der Türöffnung, wusste Mike, dass die kleine Veränderung ausgereicht hatte, um seinen Sohn aus dem Takt zu bringen. Brians Blick blieb auf den Boden gerichtet; er beobachtete seine Füße, während er weiter ins Haus ging.

     „Zeit für deinen Snack. Möchtest du Eis, einen Apfel oder Chips?“ Mike hoffte, dass der vertraute Ablauf ausreichen würde, um seinen Sohn wieder in die Spur zu bringen.

      Still ging Brian weiter in die Küche, den Blick noch immer gesenkt.

     Bevor Mike dazu überging, die Frage wie immer dreimal zu stellen, beugte er sich zu Liz und flüsterte: „Warte im Wohnzimmer auf mich.“

     Liz nickte und ging hinter ihm vorbei in den anderen Raum. Zu Mikes Erleichterung fügte sich der Rest der Snack-Routine wieder ein. Nachdem er die Apfelscheiben auf den Tisch gestellt hatte, schien Brian sich von der kleinen Veränderung erholt zu haben.

      Mike wischte sich die Hände an den Seiten seiner Hose ab, setzte sich ins Wohnzimmer, holte tief Luft, um sich zu wappnen, und hoffte, dass das, was Liz zu sagen hatte, ihre Welt nicht wieder auf den Kopf stellen würde. „Was ist passiert?“

       „Es gab eine Schlägerei in der Schule.“

      „Schlägerei?“ Mike sprang auf die Füße und drehte sich um, um zurück in die Küche zu stürmen, unsicher, wie er Anzeichen einer körperlichen Auseinandersetzung übersehen haben konnte.

      Liz packte sein Handgelenk. „Nicht Brian.“

      Was meinte sie damit? Wozu die ganze Routine stören, nur um ihm zu erzählen, dass jemand anders in der Schule eine Schlägerei gehabt hatte? „Ich verstehe nicht.“

      „Es sieht so aus, als hätte dein Sohn jemanden gefunden, der für ihn einsteht.“

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